Ohne Schulabschluss, auf der Straße zur eigenen Wohnung mit einem Abschluss als Mediengestalterin für Mediendesign.

Angefangen hat alles damit, dass ich mit meiner Familie nicht klargekommen bin, bzw. sie mit mir nicht. Der Freund meiner Mutter hat mich geschlagen und dauernd niedergemacht. Meine Mutter hat mich komplett im Stich gelassen. Das war mir zu viel und ich bin abgehauen.
Ca. ein dreiviertel Jahr habe ich auf der Straße gelebt und mich bei Freunden durchgeschlaucht.
Nach dem Versuch mit meiner Mutter wieder freundschaftlich in Kontakt zu kommen, nahm sie Kontakt mit dem Jugendamt auf, weil sie meinte, sie könne mit mir nicht mehr leben. Zu diesem Zeitpunkt war ich 15 Jahre alt.
Danach bin ich in ein Heim gekommen. Das Jugendamt hat mir einige Vorschläge gemacht - wobei mir das eine Mädchenheim am meisten zusagte, weil ich die Location vom angrenzenden Club her kannte.
In dem Heim wohnten ca. 15 Mädchen. Im Doppelzimmer untergebracht, konnte ich mich mit dem andern Mädchen arrangieren. Dort bin ich nach einem halben Jahr dann wieder abgehauen, weil ich mir von niemandem vorschreiben lassen wollte, was ich zu tun und zu lassen habe.
Nach einigem Hin und Her mit Freund und leiblichem Vater drohte ich wieder auf der Straße zu sitzen, so dass ich selbst bei dem zuständigen Jugendamt angerufen habe.
Die Mitarbeiterin des Jugendamtes hat veranlasst, dass ich in eine Krisenunterkunft komme. Froh über einen sicheren Platz zum Schlafen, hatte ich obendrein auch noch das erste mal in meinem Leben das Gefühl, dass mir jemand wirklich zuhört. Die haben sich dann darum gekümmert, dass ich einen geeigneten Ort finde, an dem ich langfristig bleiben kann. Ich wollte unbedingt in eine Wohngemeinschaft, weil ich mich der permanenten Kontrolle so gut wie möglich entziehen wollte.
Aufgrund von Missverständnissen im Zusammenhang mit meiner Schwangerschaft bin ich dann nach nicht mal einem halben Jahr wieder abgehauen und zu meinem damaligen Freund gezogen. Nach einer Abtreibung ergab sich ein erneuter Kontakt zum Jugendamt, mit dem Angebot einer sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Mit lauter Skepsis und Vorurteilen habe ich mir die vorgeschlagene Sozialpädagogin angeschaut und festgestellt, dass sie gar nicht so schlimm ist und habe dann dem ganzen zugestimmt. Wir haben uns einmal in der Woche getroffen. In der ersten Zeit habe ich ihr erzählt, was in meinem Leben bis dahin so passiert ist. Sie hat mir geholfen eine Wohnung zu finden.
An meinem 18. Geburtstag habe ich den Mietvertrag unterschrieben und bin dann auch gleich eingezogen. Sie lag in der Nähe vom Bahnhof Zoo. Dort habe ich mich während der ganzen Zeit immer wieder rumgetrieben. Durch unglückliche Umstände musste ich für kurze Zeit ins Krankenhaus, um wieder einigermaßen klar zu kommen.
Noch im selben Jahr ermöglichte meine Betreuerin mir einen Umzug in eine mir vertraute Gegend, wo ich heute noch wohne.
Nach einer langen Phase der Krankheit und unterschiedlichen Bemühungen etwas mit meinem Abgangszeugnis anzufangen bin ich beim Sozialamt gelandet.
Durch Zufall habe ich irgendwann meine ehemalige Jugendamtbetreuerin am U-Bahnhof getroffen. Sie meinte, ich solle zu ihr ins Amt kommen, sie hätte da eventuell etwas für mich. Sie hat mir dann eine berufsvorbereitende Maßnahme mit dem Schwerpunkt "Neue Medien" vorgeschlagen. Das war genau das, was ich machen wollte. Nachdem ich mir die Leute vor Ort angeschaut habe bin ich gleich dort geblieben.
Mit den anderen Teilnehmern bin ich mehr oder weniger klar gekommen, mit den Dozenten umso besser. Ich hab dort viel gelernt und mitnehmen können.
Eine anschließende Ausbildung als Mediengestalterin finanziert zu bekommen war nicht so einfach. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon fast 20 Jahre alt. Die Mitarbeiterinnen des Trägers haben sich für mich eingesetzt, trotzdem musste ich mich sehr ins Zeug legen und selbst begründen, dass ich in der Vergangenheit sehr viel durchmachen musste und es mir mit dieser Ausbildung sehr ernst ist.
Dass bei mir noch nicht Hopfen und Malz verloren ist und ich das investierte Geld wert bin, musste ich die ganze Ausbildung über unter Beweis stellen.
Ganz besonders wichtig für mich war die persönliche Unterstützung in Bezug auf meine privaten Belange. Das Team war immer für mich da, auch wenn ich mal in eine falsche Richtung gelaufen bin. Die Abschlussprüfung habe ich zwar nicht beim ersten Mal geschafft, aber trotzdem wurde ich weder vom Ausbildungsteam noch vom Jugendamt im Stich gelassen. Ich bin froh, dass die alle so viel Geduld mit mir hatten . . .

Ohne Schulabschluss, auf der Straße zur eigenen Wohnung mit einem Abschluss als Mediengestalterin für Mediendesign. Wenn ich ehrlich bin, bin ich stolz das geschafft zu haben!

BRJ

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