Meinen ersten Kontakt zum Jugendamt hatte ich mit 16 Jahren.

Ich konnte zuhause nicht mehr leben. Der Onkel war eklig, er wollte immer essen, wenn ich essen wollte, davor habe ich mich geekelt.
Meine Mutter konnte ich nie für voll nehmen, sie hat mich nie verstanden oder unterstützt und hat mich nur unter Druck gesetzt. Sie hat sehr viel Alkohol getrunken. Zuneigung und Wärme habe ich von ihr nie bekommen. Nachdem ich ihr einmal 50 DM geklaut habe bekam ich auch kein Taschengeld mehr, nur noch in geringem Maße, so zwei Euro, wenn ich’s wirklich dringend hatte.
Ich war kaum noch zuhause, ich war nur noch bei Anderen, gegessen habe ich sowieso nie zuhause. Ich habe, wenn dann nur noch Dinge gegessen, die zu waren, Chips und Schokolade. Normales Essen gab es für mich nie, vor allem warmes Essen hat meine Mutter nicht gekocht. Fast habe ich Magersucht bekommen.

Während der Schule bin ich dann eines Tages zum Jugendamt gegangen, da war dann zu, so dass ich wieder zurück zur Schule bin. Dort habe ich dem Lehrer erzählt was los ist, der hat mir dann geholfen und Kontakt zu einer Kriseneinrichtung aufgenommen. Auf deren Anraten hin sollte ich ein Schriftstück formulieren, warum ich nicht mehr nachhause kann. Das habe ich dann in der Schule geschrieben und bin dann damit in die Kriseneinrichtung.
Die haben dann meine Mutter angerufen, die kam dann ein paar Stunden später. Das gemeinsame Gespräch war nicht so toll. Aber immerhin konnte ich bleiben, für drei Monate.
Währenddessen hatte ich regelmäßig Kontakt zum Jugendamt, die hatten ihre Außenstelle bei uns im Haus im Keller. In der Kriseneinrichtung hatte ich ein eigenes Zimmer, das war wohl eine Ausnahme.
Wichtig war für mich, dass ich sicher und geborgen war und dass man sich um mich kümmerte. Die Betreuer dort waren für mich da, ich konnte immer mit ihnen reden, egal was war.

Danach hat das Jugendamt hat mir eine andere Wohngelegenheit vorgeschlagen, weil man nicht ewig in einer Krisenunterkunft wohnen kann. Ich sollte in eine Außenwohngruppe kommen. Ich habe sie mir angeguckt und wollte dann dort auch hin.
Es war ein wunderschönes Haus mit Garten, das hatte ich noch nie. Die Betreuer waren multikulti, also international. Eine Betreuerin war polnisch, eine andere türkisch. Es war rund um die Uhr jemand da. Ich hatte mein eigenes Zimmer, das erste war klein, das zweite war groß, mit um die Ecke laufen und eigenes Bad und so.
Da war ich ungefähr ein Jahr. Die Gruppe wurde aufgrund von Geldmangel geschlossen, die Nebenkosten waren zu hoch.
Trägerintern habe ich dann gewechselt, ich konnte mir die Gruppe nicht aussuchen, der pädagogische Leiter hat gesagt, es wäre schön wenn ich auf diese Gruppe ginge, da könnte er mich schön integrieren.

Dann ging alles erst richtig los. Ich bin dort angekommen und hatte ein wunderschön großes Zimmer in einer Anliegerwohnung, gehörte aber noch zu der Gruppe dazu. So, die Wohngruppe war sehr groß über zwei Etagen. Dort wohnten einige mit Dachschaden. Dort waren 7 Jungs und ich war das einzige Mädchen. Das ist Hammer gewesen, ich bin da rein gekommen und hab gedacht ich sterbe. Die Vorstellung mit 7 Jungs allein zu sein war sehr schlimm. Mit den Betreuern habe ich mich immer gut verstanden mit den anderen Jungs später auch. Ein Betreuer hat dort gewohnt, es war immer jemand da, auch für mich und meine Probleme.

Dann ging es los mit dem Jugendamt. Wir sind da hingekommen, da war eine Frau, die war erst sehr nett, dann hat sie gesagt, ich sei eine Geldverschwendung, weil sie gedacht hat, ich würde mit meiner Mutter doch klar kommen. Eigentlich wäre es besser ich würde bei meinen Eltern wohnen. Die Kinder, die nicht missbraucht wurden, müssen eben wieder gehen. Die haben zu mir gesagt, du bist erstmal auf Probe da und wir würden uns wünschen, dass du wieder nachhause gehst.
Meine Betreuer haben versucht mir meine Ängste zu nehmen und gesagt, dass sie versuchen würden alles für mich zu tun, dass ich bleiben kann.
Dann haben sie mir alles gezeigt und mich bei den Unterlagen für das Jugendamt unterstützt. Nach ca. 5 Monaten war das nächste Gespräch mit dem Jugendamt. Jedes mal wurde ein Hilfeplan erstellt, meine Ziele habe ich erreicht. Dann hat man mir gesagt: Sie sind fit für die eigene Wohnung, manche Jugendliche haben es nötiger als sie. Jetzt können sie sich eine Wohnung suchen. Die Betreuer haben dann sehr ausführliche Berichte geschrieben und vorgeschlagen erstmal in die Anliegerwohnung im Haus der Wohngruppe zu ziehen um meine Selbständigkeit zu üben. Dort bin ich dann eingezogen und habe da ungefähr 6 Monate gewohnt, dann sollte ich mir eine eigene Wohnung suchen, das hat nicht so schnell funktioniert, wie das Jugendamt sich das vorgestellt hat.
Dann hatten wir ein Gespräch beim Jugendamt. Da ich meine Hilfeziele nicht erreicht hätte, käme eine Nachbetreuung nicht in Frage.
So wurde mein gestellter Antrag sofort abgelehnt. Wir haben das nicht verstanden. Eigentlich müsste das ja so sein, dass wenn man noch Hilfe braucht, weil man alleine seine Ziele nicht erreicht, auch Hilfe bekommen müsste.
Erst haben wir alleine Widerspruch eingelegt, die Bearbeitung dauerte dann 11 Monate.
Das hat alles nichts gebracht. Dann bin ich mit meinem Betreuer zum BRJ, dort hat uns jemand geholfen und Widerspruch eingelegt.
Jemand vom BRJ hat mich dann zum Jugendamt begleitet und geholfen mich durchzusetzen. Seit einiger Zeit habe ich einen schriftlichen Bescheid, leider kann ich bis jetzt noch keine Nachbetreuung in Anspruch nehmen, weil das Jugendamt aus welchen Gründen auch immer noch nicht so weit ist, ich warte also. . .

Zurzeit mache ich eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau.

Aber immerhin habe ich durch die Unterstützung in der WG meinen Realabschluss geschafft, bin zu einem besseren Menschen geworden und bin sehr froh darüber, dass ich den Weg überhaupt gegangen bin. Aus dem Thema WG kann man sehr vieles lernen, was man für sein weiteres Leben braucht. Wenn ich nicht ausgezogen wäre, wäre ich nicht so weit, wie ich jetzt bin.

BRJ

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